Literarisch hochbegabte Werke

Für Leseratten gibt es an dieser Stelle schöne Literatur von Schülern für Schüler. Die AG Kreatives Schreiben versorgt euch regelmäßig mit fantastischen Stoffen.

Das Ende der Welt

eine Kurzgeschichte von Ronja Bednarek (Jg. 11)

Ein tiefer dunkler Abgrund trennte uns voneinander. Der Wind fegte über die aufgerissene Erde und die Trümmer der großen Wolkenkratzer. Verängstigte Schreie und das Flüstern des Feuers hallten durch die Luft. Ich hielt mir meinen schmerzenden Arm und sah zwischen all dem Rauch zu ihr hinauf. Sie stand da, in dem weißen Kleid mit den blauen Punkten, dass zerrissen und verdreckt um ihren Körper strich. Der heiße Wind zerrte an ihren Haaren und Tränen rannen ihre geröteten Wangen hinunter. „Warum tust du das?“ rief ich ihr zu und versuchte, näher zu kommen. Sie hob warnend die Hand und in ihrer Handfläche blitzte es.
„Bleib stehen!“, sie wischte sich die Tränen weg. „Du willst wissen, warum? Ist es denn nicht offensichtlich?“
Sie ließ ihren Blick schweifen und deutete auf die zerstörte Welt um uns herum. Die Funken in ihrer Hand knisterten und zuckten.
„Sieh dir diese Welt doch an! Sieh dir die Menschen an! Was sie getan haben! Ist das nicht Antwort genug?“
„Aber das kann doch nicht die Lösung dafür sein. Du musst ihnen eine Chance geben…“
„Eine Chance? Sie hatten so viele. Jederzeit hätten sie etwas ändern können. Hätten sich ändern können! Aber es sind Menschen. Diese Kreaturen…kennen nur sich selbst und ihren eigenen Nutzen aus den Dingen dieses Lebens. Wann, sag mir, wann haben sie mal etwas wirklich richtig gemacht? Zum Wohle anderer? Zum Wohle dieser Welt, die wahrlich nicht ihnen gehört!“
Sie schluchzte und die Blitze in ihrer Hand wurden heller. Ich starrte sie an. Sie hatte ja Recht. Mit allem. Doch das hier war sicher nicht die Lösung. Bestimmt nicht. Jetzt sammelten sich auch Tränen in meinen Augen. Ihr Anblick war so schmerzhaft.
„Aber sie haben doch auch ihr Gutes. Irgendwie. Erinnere dich doch an früher, als wir auf dem Gut meines Vaters gespielt haben. Als wir diesen alten Pfad zu unseren geheimen Lieblingsplatz gefunden haben. Dieser kleinen Hütte am Südufer.“, ich versuchte mich an einem kleinen Lächeln. „ Und, als dieses komische Weib uns davon gejagt hat, als wir ihren Kuchen von der Fensterbank geklaut hatten.“
Es zischte und neben mir brach ein Teil des zerstörten Gebäudes auseinander. Die Erde erbebte und ich taumelte. Sie stand nur da und sah mich unentwegt an. Splitter flogen durch die Luft und streiften mein Gesicht. Ich hustete und spähte durch den Qualm.
„Willst du das alles wegwerfen? Ich verstehe dich ja…“
„Nichts verstehst du!“ unterbrach sie mich und Blitze schossen aus ihrer Hand. Sie schlugen vor meinen Füßen in den Erdboden ein und rissen einen weiteren tiefen Spalt zwischen uns. Ich wurde zurück geschleudert und fiel auf meinen verletzten Arm. Ich unterdrückte ein Jammern und hievte mich langsam wieder hoch. Ich schritt nahe an den Rand heran und blickte ihr mit festem Blick entgegen.
„Du verstehst gar nichts! Du hast mich einfach allein gelassen! Du hast mir nur etwas vorgespielt! Du hast mich weggestoßen und dann von mir verlangt, dass ich etwas tue, was ich nicht konnte, und die wusstest das!“
Wütend warf sie einen Stein nach mir, der nur im zischenden Abgrund verschwand.
„Ich war verzweifelt! Ich habe mir die Schuld gegeben! Das es leichtsinnig und dumm war, mich dir anzuvertrauen! Du hast immer gesagt, du würdest mich verstehen. Und ich wollte dir glauben. Früher, da waren wir noch Kinder. Fünf Jahre alte, dumme Kinder, die von all dem hier noch nichts wussten. Aber mit der Zeit sind wir gewachsen. Ich…ich dachte, ich könnte das hier irgendwie aushalten, solange es jemanden gäbe, der mich festhält.“, ununterbrochen flossen Tränen über ihr Gesicht und mit schmerzverzerrtem Gesicht sah sie mich an. „Du hast mich fallen gelassen. An diesem einen Abend, als ich bei dir war, wir uns irgendeinen Film angesehen hatten und du mich in den Arm genommen hast. Da dachte ich, dass ich es schaffen könnte. Dass ich diese grausige Welt vergessen könnte. Das meine Suche, nach dem Sinn dieses komischen Lebens erfolgreich gewesen wäre.“
Ihre Worte gingen in lauten Schluchzern unter und sie schleuderte willkürlich Blitze durch die Luft. Plötzlich krachte es und ein Trümmer über ihr stürzte auf sie hinab.
„Mio!“
Sie schrie auf und wollte ausweichen. Mit lautem Gebrüll kam der Steintrümmer auf der Erde auf und wirbelte Staub und Asche auf. Ich sah nichts mehr und hustete.
„Mio!“
Verzweifelt suchte ich einen Weg auf die andere Seite. Ich rannte an dem brüchigen Abhang entlang und fiel über einen alten Rechner, der aus der Erde ragte. Rasch rappelte ich mich auf und sprang kurzerhand über eine enge Stelle des Erdrisses. Stolpernd erreichte ich die andere Seite und überquerte auch den zweiten Abgrund. Dieser war breiter und ich prallte hart gegen den brüchigen Rand. Panisch klammerte ich mich fest und versuchte mich hoch zu ziehen. Unter mir loderten heiße Flammen und schlugen nach mir. Wieder dröhnten Schreie in meinem Kopf, doch ich verdrängte sie und konzentrierte mich nur auf sie. Endlich hatte ich es geschafft und rannte zu den Trümmerteilen.
„Mio!“
Ich wühlte zwischen den Steinen und Metallstangen und hievte große Teile davon weg.
„Mio! Wo bist du?“
Ein Schluchzen drang an mein Ohr und ich kletterte hastig über das Trümmerteil hinweg. Dort war sie, auf die Knie zusammen gesunken. Sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen und weinte. Ihren Körper schüttelten Weinkrämpfe und der Wind blies ihr eisig durchs Haar. Langsam schritt ich auf sie zu und kniete mich neben sie hin.
„Mio…“
„Geh weg!“ sie stieß mich weg und wandte sich von mir ab. Mein Herz verkrampfte sich. Was war ich nur für ein Idiot. Ich seufzte schwer.
„Der Koch hat die Suppe ziemlich versalzen.“
„Fällt dir aber früh auf.“
„Es tut mir leid.“
„Mir auch.“ schniefte sie verletzt. Ich verzog das Gesicht. Ich ertrug es nicht länger, sie so zu sehen. Ich musste es doch irgendwie wieder gut machen können. Sie schluchzte wieder.
„Mio…“
Ich streckte die Hand aus und zog sie in meine Arme. Zunächst sträubte sie sich, doch dann legte sie ihren Kopf auf meine Schulter und weinte hemmungslos. Ich drückte sie noch fester und unterdrückte selbst die aufkommenden Tränen. Es wurde still.
Um uns tobte das Chaos, Feuer loderte überall und alles war zerstört. Die Menschheit war fast vollkommen ausgerottet. Die Erde schien vor ihrem Ende zu stehen. Und wiederum vor ihrem Anfang. Es wurde ein neues Kapitel geschrieben.
„Es tut mir so leid, Mio.“, flüsterte ich und wollte sie nie mehr loslassen. Sie hatte aufgehört zu weinen und ruhte still in meinen Armen. Dann hob sie langsam die Arme und drückte mich an sich. Wir hielten uns fest umschlungen in all dem Chaos, in diesem Neuanfang.
„Es ist vorbei. Ich…ich glaub, ich habe es doch gefunden.“ wisperte sie kaum hörbar.
Ein Lächeln schlich sich auf mein Gesicht und ich lachte erleichtert. Ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten und auch sie schluchzte wieder.
Doch es waren erleichternde Tränen. Die Schatten waren fort.
Es war endlich vorbei.
Nach einiger Zeit lösten wir uns voneinander und sahen uns an. Sie lächelte.
„Kann ich jetzt meine Süßigkeit bekommen?“
Wir beide lachten und ich drückte sie erneut an mich. Ich will sie nie wieder verlieren, nur weil ich so ein Idiot war. Nie wieder.

Von Arschlöchern und Kirschlipgloss

von Eileen Samuelsen und Josephine Daries (Jg. 10)

Ich werfe einen Blick auf meine Armbanduhr. Gleich ist es soweit. Nervös Streife ich meine schwitzigen Hände an meiner Hose ab. Beruhig dich, denke ich noch, dann betrete ich den Flur. Meine Schritte hallen auf dem mattgrauen Boden der Klinik wider. Ich begebe mich zum Aufzug. Meine Finger berühren den kalten, Frauen Knopf. Sie sind schon wieder nass geschwitzt. Mit einem leisen Klicken kündigt sich der Fahrstuhl an, die Türen öffnen sich lautlos. Ich betrete ihn, leise dudelt die Musik vor sich hin. Als die Türen sich schließen kann ich nicht anders und ein leises, nervöses Lachen entfährt mir. Ein Blick in den Spiegel: ein junger, braunhaariger Mann schaut zurück. Seine Ohren sind definitiv zu groß. Nervös schiebt er sich seine schwarze Nerd-Brille auf dem Nasenrücken nach oben. Seine Lippen glänzen verführerisch.
Ein und Aus. Ein und Aus. Komm schon, atme ganz ruhig. Du schaffst das.
Seine geben Augen blinzeln mir entgegen. „Pling“ macht es, dann öffnen sich die Aufzugtüren wieder. Auf der Anzeigetafel prangt in leuchtend roter Schrift die Zahl 5.
Als ich den Flur betrete erschlägt mich der Geruch von Desinfektionsmittel und Watte.
Nachdem ich mir die blauen Einweghandschuhe und den weißen Arztkittel übergezogen hab, übermannt mich doch die Vorfreude und ich lecke mir gespannt über die Lippen.
Oh shit. Der Kirschlipgloss schmeckt verdammt gut, blöd nur, dass das keinen allzu guten Eindruck hinterlassen würde. Schnell ziehe ich den Ärmel des Kittels hoch und wische mir mit dem Arm über die Lippen. Dieser glitzert jetzt in einem sanften rosarot.
Bevor mich jemand dabei erwischen kann, wie ich mir den parfümierten Kirschlipgloss vom Arm lecke, reiße ich mich dann doch zusammen und lasse den Ärmel meines Kitzels wieder den Arm herunterrutschen.

Er war so ein Arsch. Endlich sitze ich hier, es hat ewig gedauert einen Termin zu bekommen. Seit die Klinik mit dieser neuen Methode wirbt, sind die Ärzte vor Aufträgen nicht mehr zu retten. Ich schaue an mir herunter. Der hellblaue Patientenkittel wirft meiner Meinung nach unschöne Falten. Sehe ich darin fett aus? So wie die Assistenzärztin guckt, ganz bestimmt. Wo bleibt eigentlich der verdämmre Arzt? Ich will dieses schreckliche Gefühl loswerden.
Er ist so ein Arsch, denke ich erneut, dann öffnet sich die Doppeltür schwingend. Oh verdammt, ich hätte nie gedacht, dass mich jemals so ein attraktiver Arzt operieren würde. Ich habe bei dem Wort einen alten, schrumpeligen Opi vor Augen gehabt. Ein faltiges Rosinengesicht. Aber der hier ist anders. Seine olivgrünen Augen fokussieren mich hinter den dicken Gläsern seiner Nerd-Brille und ziehen mich förmlich schon aus. Fünf Sekunden und schon ist der Arsch vergessen.
Aus dem Augenwinkel bemerke ich, wie die Assistenzärztin mir einen vernichtenden Blick zuwirft.
Der Arzt streckt die Hand aus, doch dann drückt mir seine Assistenzkraft von hinten bereits die Narkosemaske aufs Gesicht.

Kaum betrete ich den Operationssaal, drückt die Assistenzärztin der Patientin schon die Narkosemaske auf den Mund. So zerbrechlich wie sie aussieht, habe ich ernsthaft Angst, dass sie sich verletzen könnte. Die Assistenzärztin dreht sie hin und arrangiert sie in einer passenden Pose auf dem OP-Tisch. Dabei kommt ihr makelloser Körper gut zur Geltung.
Die Frau, die vor mir bewusstlos auf dem Tisch liegt, ist wunderschön. Nur der hässliche hellblaue Patientenkittel ruiniert den Anblick, obwohl ihr die Farbe steht.
Ich frage mich, welches Gefühl ich der blassen Schönheit herausnehmen soll. Nachdem ich es geschafft habe meine Kinnlade wieder an Ort und Stelle zu bringen, beschließe ich in die Patientenakte zu schauen und die Assistenzärztin über den Eingriff auszufragen. Diese sieht mich bereits eine Weile fragend von der Seite an.
„Ham‘ ses bald? Sie sabbern.“, sie schaltet sich ein. Ertappt wische ich mir mit dem Ärmel über den Mund und drehe mich zu ihr um.
„Ja, .. also.. ich.. ehm.“, es braucht einige Sekunden bis ich wieder zu Sache komme. Dann seufze ich.
„Was soll der Patientin herausgenommen werden?“
„Anscheinend hat das arme Ding unschöne Erfahrungen mi Männer jemacht. Deswegen werden wa ihr leider, leider die Liebe entfernen.“, antwortet sie und grinst mich dabei süffisant an.
„Icke schätz, Mama und Oaoa haben ihr die OP spendiert, nachdem der anfängliche Prinz uf dem weißen Ross ihr Herz jebrochen hat.“, fährt sie fort. Mit einem kritischen Block auf die rotlackierten Fingernägel der Patientin holt sie das Operationsgeschirr hervor.
„Sie sieht auch nicht so aus, als hät‘ sie jemals was ernstes jearbeitet.“. Mit diesen Worten setzt sie sich den Mundschutz auf und tritt an den OP-Tisch.

Unter plötzlich einsetzenden Schmerzen öffnen sich meine Augen. Die OP scheint noch nicht vollständig beendet worden zu sein, denn als ich den Blick schleifen lassen, ist der junge Arzt grade dabei den letzten Faden durch meine Bauchdecke zu ziehen. An der Wand lehnt ein Schmetterlingsnetz und auf einem kleinen Silbertisch steht ein großes Glas. In ihm flattert ein strahlend blauer, großer Falter.

Veröffentlicht am