Die LGBTQ+Initiative der KGS Rastede

von Johanna Freels (Jg. 13), Lena Kuck (Jg. 13), Ronja (Jg. 13), Simke (Jg. 13)

Wir Schüler*innen verbringen so viel Zeit in der Schule. Deshalb sollte die Schule ein Raum sein, in dem sich alle Schüler*innen akzeptiert fühlen und ihre individuelle Persönlichkeit leben können. Für Schüler*innen, deren Geschlechtsidentität von der traditionellen Geschlechterzuschreibung „männlich“ und „weiblich“ abweicht, ist die KGS Rastede leider (noch) kein solcher Raum. Damit sich dies ändert, gibt es jetzt eine Schüler*innen-Initiative, die sich für Gendergerechtigkeit in der Schule einsetzt.

LGBTQ+ ist eine Abkürzung für die englischen Begriffe “lesbian” (lesbisch), “gay” (schwul), “bisexual” (bisexuell), “transgender” und “queer” und ist somit ein Sammelbegriff für Personen, die sich nicht mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren und / oder nicht heterosexuell sind. Das Plus hinter LGBTQ steht als Platzhalter für weitere mögliche Geschlechtsidentitäten und/oder sexuelle bzw. emotionale Orientierungen.
Die LGBTQ+Initiative der KGS Rastede besteht aus Schüler*innen verschiedener Jahrgänge und setzt sich dafür ein, dass Betroffene in der Schule nicht diskriminiert werden und dass die Schule mehr Aufklärung zu Themen wie Geschlechtsidentität und sexuelle bzw. emotionale Orientierung betreibt. Nicht nur Betroffene sind Teil der LGBTQ+Initiative, sondern auch Personen, die diese aktiv unterstützen – sogenannte “allies” (Verbündete). Aktuelle Themen sind zum Beispiel geschlechtsneutrale Toiletten oder die Fortbildung von Lehrkräften im Umgang mit diesem Thema, damit Diskriminierungen auf lange Sicht vermieden werden können.
Wir haben Melina, Vincent und Paula von der LGBTQ+Initiative getroffen und zu ihren Erfahrungen und Vorschlägen für eine gendergerechte KGS befragt.

IRREGULäR: Hallo Melina, Vincent und Paula. Ihr setzt euch mit der LGBTQ+Initiative für Gendergerechtigkeit an der KGS Rastede ein. Was ist jeweils die persönliche Motivation für euer Engagement?

Vincent: Ich setze mich für LGBTQ+Personen ein, weil ich selber die Erfahrung gemacht habe, mich in der Schule nicht wirklich einordnen zu können, und weil mir selber manchmal eine Hand gefehlt hat oder eben Akzeptanz. Ich würde das keinem anderen wünschen, sich so finden zu müssen … einfach so alleine zu sein. Gerade die Schule bietet sich an, den Raum dafür zu bieten und den Menschen Akzeptanz zu geben und Hilfe, sich selber zu finden.

Paula: Ich habe ähnliche Erfahrungen wie Vincent gemacht. Ich finde, dass die Schule ein Raum ist, wo man so viel Zeit verbringt. Und da finde ich doch, dass es auch ein Raum der Akzeptanz und der Aufklärung sein sollte und dass der so offen wie möglich für alle Menschen, die hier in die Schule gehen, gestaltet werden sollte. Dafür setze ich mich mit dieser Initiative ein.

Melina: Ich setze mich auch aus einem ähnlichen Grund ein, nämlich dass ich neunzig Prozent meiner Identitätsfindung zu Hause in meinem Zimmer alleine für mich machen musste und dabei irgendwann realisiert habe: „Ich bin anders als die Anderen und irgendwie stimmt hier etwas nicht.“ Und bis ich dann irgendwann realisiert habe, dass bei mir eigentlich alles normal ist und dass ich ein normaler Mensch bin – das hat halt eben gebraucht. Es ist schwierig, wenn man das ganz allein machen muss und keinen wirklichen Raum hat, wo man sagen kann: „Hey, ich hinterfrage gerade irgendwie Aspekte meiner Identität. Das ist irgendwie nicht die ‚Norm‘, was ich hier empfinde.“ Dafür muss eben ein öffentlicher Raum geschaffen werden. Und da bietet sich die Schule wirklich an, weil hier viele Menschen aufeinandertreffen mit vielen verschiedenen Hobbys und Interessen und weil allgemein auch diese Toleranz, die den Menschen hier beigebracht wird, soweit ins private Leben getragen werden kann, dass das einen sehr großen Effekt auf die Gesellschaft an sich haben könnte.


Auf die Ohren: Die Aktivist*innen stellen sich vor

Vincent
Paula
Melina

IRREGULäR: An unserer Schule basiert ja insgesamt sehr vieles auf dem binären Geschlechtersystem, also der Vorstellung, es gebe nur zwei Geschlechter und alle können sich dort eindeutig zuordnen. Das neue Anmeldeformular der KGS Rastede bietet bei der Frage nach dem Geschlecht nur neben „weiblich“ und „männlich“ auch die Möglichkeiten „divers“ und „keine Angabe“. Hier wird also der Vielfalt an Geschlechtsidentitäten endlich Rechnung getragen. Im Schulalltag spiegelt sich das aber noch nicht so wirklich wieder. Was muss sich da eurer Meinung nach verändern?

Melina: Es ist ja nun einmal so, dass es viel mehr gibt als nur „männlich“ und „weiblich“. Das ist ja mittlerweile in sehr vielen Köpfen angekommen. Dann kann man die Zusammensetzung der Klassen auch nicht nur abhängig machen vom binären Geschlechtersystem und man muss auch beim Sportunterricht schauen, dass man die Geschlechteraufteilung einschränkt oder sogar ganz abschafft.

Vincent: Das ja einer der Gründe, warum wir als Initiative überhaupt entstehen: dass man noch nicht diesen Raum hat für Personen, die nicht hetero oder cis sind… dass die sich nicht in dieser Schule orientieren oder identifizieren können. Da muss man als Schule schon im Voraus, bevor man formale Dinge angeht, diesen Raum überhaupt schaffen. Man müsste zum Beispiel im Unterricht am Anfang des Schuljahres auf dieses Thema eingehen: Welche Geschlechtsidentitäten gibt es? Welche sexuellen bzw. emotionalen Orientierungen gibt es? In Klassenräumen sollte man die Regenbogenflagge aufhängen, damit sich Personen, die jahrzehntelang nicht diesen Platz in der Gesellschaft hatten, merken, dass sie in der Gesellschaft akzeptiert sind und Raum haben. Gerade die Schule bietet eigentlich die Möglichkeit, sich selber zu finden. Solange man das nicht machen kann und man sich selbst nicht gefunden hat, bringt ein gendergerechtes Anmeldeformular oder die Einrichtung geschlechtsneutraler Sportkurse oder Klassen noch nicht so viel, weil die Personen ja noch gar nicht wissen, wie sie sich identifizieren.

Paula: Wir müssen dafür sorgen, dass die Leute überhaupt darüber aufgeklärt werden, dass es noch mehr gibt als das binäre Geschlechtersystem und Heterosexualität. Da sehe ich die Schule auch in der Verantwortung, das den Leuten beizubringen. Denn es ist ja auch ihr Recht, darüber Bescheid zu wissen und sich selbst finden zu können. Und man muss den Raum schaffen für die Leute, die sich in diesem Selbstfindungsprozess befinden, und respektvoll damit umgehen.

IRREGULäR: Ihr sprecht davon, in der Schule „Raum zu schaffen“ für Selbstfindung – wie kann das konkret im Schulalltag aussehen?

Melina: Das fängt an mit einer einfachen Pronomen-Runde, wenn man neu in eine Klasse kommt: dass man gefragt wird: „Wie möchtest du angesprochen werden, was sind deine Pronomen?“ Das schafft Raum für Menschen, die sagen: „Er oder sie – das passt für mich nicht. Damit fühle ich mich nicht wohl.“ Da kann dieser Mensch in einem ganz offenen und zwanglosen Gespräch sagen: „Bitte sprecht mich so und so an.“ Und dann sollte diese Frage nach den Pronomen auch von allen beantwortet werden, damit nicht nur dieser eine Mensch besonders heraussticht, sondern es eben normalisiert wird, nach Pronomen zu fragen und diese dann auch zu respektieren. Wenn wir das den Menschen in der Schule schon beibringen, dann wird das in Zukunft viel einfacher für die Menschen, die eben sagen: „Ich möchte mit anderen Pronomen angesprochen werden.“

IRREGULäR: Welche Pronomen außer „er“ und „sie“ kommen da in Frage?

Sehr viele nicht-binäre Menschen kann man auch in Deutschland mit dem englischen „they/them“ bezeichnen. [„They“ und „them“ kennt ihr aus dem Englischunterricht. Das Pronomen wird für den Plural verwendet, aber auch für den Singular, um eine Person zu bezeichnen, von der das Geschlecht nicht bekannt ist. Von LGBTQ+Personen werden diese Pronomen analog dazu für den Singular verwendet, wenn man eine einzelne Person bezeichnen will, ohne diese auf ein bestimmtes Geschlecht festzulegen. Anm. der Red.].
Es gibt aber auch im Deutschen Neo-Pronomen wie „xier“ mit einem x als Anfangsbuchstaben. [„Xier“ wird als geschlechtsneutrales Pronomen statt „sie“ oder „er“ verwendet. Anm. der Red.]. Da kann sich dann jeder Mensch sein Pronomen heraussuchen und sagen, wie er eben angesprochen werden möchte.

IRREGULäR: Seht ihr in unserer Schule weiteren Handlungsbedarf in Sachen Gendergerechtigkeit?

Melina: Unsere Forderungen beziehen sich vor allem auf praktische Sachen, wie genderneutrale Toiletten. Wir sehen unsere Rolle vor allem darin, diesen Denkanstoß geben: „Es gibt Menschen die, passen einfach nicht in dieses System rein. Es gibt Menschen, über die wird nicht im Unterricht unterrichtet. Da muss sich etwas ändern, so dass es möglichst bei jeder Lehrkraft und in jedem Fach einen Denkanstoß gibt.“ Ich habe ja zum Beispiel auch meine Facharbeit über Transgender-Menschen geschrieben.

IRREGULäR: Wie erklärt ihr euch, dass Schüler*innen sich an unserer Schule zwar als „divers“ anmelden bzw. die Geschlechtsangabe weglassen können, es aber keine genderneutralen Toiletten für diese Menschen gibt?

Vincent: Im Grunde genommen kann man sagen, dass das Bedürfnis nach genderneutralen Toiletten erst in den letzten Jahren in der Gesellschaft angekommen ist. Das Bedürfnis war zwar schon immer da, denn es gab schon immer genderneutrale Personen. Aber dass die Gesellschaft auch offen dafür war, das kam erst in den letzten Jahren – in den Städten zuerst. Und wir befinden uns hier ja eher in einer ländlichen Gegend und da entsteht das erst langsam. Man merkt ja auch jetzt hier an solchen Gesprächen, dass der Raum dafür größer wird. Wenn man zum Beispiel durch ein Interview Aufmerksamkeit auf das Thema lenkt, dann kommt das auf jeden Fall. Aber vorher hat man sich hier nicht die Gedanken darüber gemacht.

Paula: Ich glaube auch, dass das Bedürfnis nach genderneutralen Toiletten noch nicht so richtig bei der Schulleitung angekommen ist und deshalb finde ich das auch sinnvoll, dass die Initiative dafür aus der Schülerschaft kommt. Dann kann die Schulleitung auch verstehen, dass das etwas ist, was die Schüler betrifft und was man jetzt durchsetzen sollte, damit sich alle Schüler*innen hier an der Schule auch wohlfühlen können.

IRREGULäR: Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für das Interview genommen habt. Wir wünschen euch viel Erfolg dabei, die Schule in Sachen Gendergerechtigkeit auf den richtigen Weg zu bringen, damit alle Schüler*innen ihre individuelle Identität finden und leben können.


„Die Grenzen deiner Sprache sind die Grenzen deiner Welt.“

Diskriminierung beruht oft auf Unwissenheit. Wir lernen Neues, wenn wir uns die Begriffe aneignen, mit denen das Neue bezeichnet wird. Darum erklärt euch Melina hier die wichtigsten Begriffe zum Thema „Geschlechtsidentitäten“ – zum Anhören und Nachlesen:

binäres Geschlechtersystem

trans-gender

cis-gender

a-gender

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inter-sexuell

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Lena Kuck, Jg. 13



Bei den Recherchen zu unserem Podcast ,,Heißer Scheiß“, sind wir auf die LGBTQ+Initiative unserer Schule gestoßen, die uns insbesondere über das Konzept und die Notwendigkeit von genderneutralen Toiletten aufgeklärt haben. Wir kannten die Initiative vorher noch gar nicht und dachten uns, das wird euch bestimmt auch so gehen.

Da wir uns einig sind, dass dieses wichtige Thema noch viel mehr Platz in der Gesellschaft und im Schulalltag verdient, haben wir in sorgfältiger Detailarbeit einen Cross-Media-Beitrag aus dem ertragreichen Material unseres Interviews gestaltet. Auf diesem Wege erhoffen wir uns mehr Sichtbarkeit, Verständnis und Bewusstsein für die LGBTQ+Community.

Ronja, Jg. 13
Simke, Jg. 13

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