Critical Mass – Radelnd die Welt retten

Die erste Katastrophen-Erfahrung des neuen Schuljahres war nicht etwa eine schlechte Note. Nein, schon der Schulweg reichte aus, um meinen Blutdruck in die Höhe zu treiben. Als Radfahrer*in hat man es in Rastede ziemlich schwer. Davon können wir Schüler*innen ein Lied singen, da wir uns täglich zwei Mal klimafreundlich und gesundheitsbewusst durch den Ort bewegen und dabei leider häufig Leib und Leben riskieren müssen. Heute zum Beispiel hatte ich den Radweg an der Kleibroker Straße benutzt. Da kam plötzlich von links ein Auto aus Logemanns Damm geschossen und nahm mir die Vorfahrt. Hätte ich nicht scharf gebremst, wäre ich auf der Motorhaube gelandet. Und mit diesem Schock in den Knochen sollte ich nun in den Matheunterricht.

Als ich völlig aufgeregt am Fahradkeller ankam und meinen Freunden*innen davon erzählte, wussten alle sofort, wie ich mich fühlte. Es entwickelte sich ein langes Gespräch über die Gefahren und Probleme, denen wir täglich auf dem Schulweg begegnen. Ein Mitschüler berichtete, dass er in den Sommerferien in der NWZ gelesen hat, man dürfe als Radfahrerin in Rastede auf den kombinierten Fuß-/Radwegen („Radfahrer frei“) nur Schrittgeschwindigkeit fahren und Fußgänger nicht „wegklingeln“. Wer schneller fahren will, der soll eigentlich auf der Straße fahren. Das ist in ganz Rastede erlaubt. Und das ist ja auch sinnvoll, denn auf den schmalen Fußwegen sind schon Fußgänger und kleine Kinder mit dem Fahrrad unterwegs. Diese möchten wir ja auch nicht gefährden und natürlich wollen wir auch einfach schnell ans Ziel. Leider waren wir uns aber alle einig, dass das Fahren auf der Straße zwar erlaubt und geboten ist, aber sich als Drahtseilakt gestaltet, da die Autofahrer*innen Radfahrer*innen als Verkehrshindernis wahrnehmen und der Meinung sind, es gebe in Rastede angemessene Radwege. Wir wissen es besser: Es gibt keine sicheren Radwege in Rastede. Gerade dort, wo es nur ein Radweg auf der linken Seite für beide Richtungen gibt, sind Radfahrerinnen viel stärker gefährdet als auf der Straße – weil abbiegende Autofahrer*innen sie einfach nicht sehen können. Als Radfahrer*innen haben wir eigentlich nur die Wahl zwischen den Fahren mit Schrittgeschwindigkeit und dem Kampf mit den Autos. Oft lösen wir das, indem wir auf den Fußweg ausweichen und dort dann aber doch schneller fahren, so dass wir letztlich Fußgänger*innen und radfahrende Kinder gefährden.

Sollte es für dieses Dilemma nicht eigentlich eine Lösung geben? Denn Fahrradfahren sollte doch – als klimafreundliche Art sich fortzubewegen – unbedingt unterstützt werden. Der erste Lösungsansatz für uns Schülerzeitungsredakteur*innen war es, auf das Problem aufmerksam zu machen. Dass einige Mitschüler*innen das Auto benutzen, weil sie mit den Rad nicht sicher und schnell zur Schule kommen, halten wir für besonders bedenklich. In den Medien und von Freunden hatten wir von der Critical Mass Oldenburg gehört. Da fahren Radfahrer*innen gemeinsam durch die Stadt und zeigen sich als gleichwertige Verkehrsteilnehmer*innen. Sie wollen die Autofahrer*innen nicht ärgern, sondern einfach nur Radfahren. Critical Mass gibt es nicht nur in Oldenburg, sondern es ist eine weltweite Bewegung: Jeden letzten Freitag im Monat sind in über 1000 Städten weltweit Radfahrende als Critical Mass unterwegs. Warum also nicht eine Critical Mass hier in Rastede durchführen – am Ort des Geschehens? Viele Mitschüler*innen und sogar Lehrer*innen fanden die Idee gut. Termin und Treffpunkt wurden festgelegt. Nun waren wir gespannt, wie viele radelnde Rasteder*innen sich am 27.09.2010 um 16.30 Uhr vor dem Fahrradkeller versammeln würden.

Bei der ersten Critical Mass Rastede am 27.09.2019 waren ca. 50 Teilnehmer*innen dabei.

Tatsächlich waren um die 50 Teilnehmer*innen dort. Sogar Frau Berger war gekommen. Alle waren gut gelaunt und gespannt, was in den nächsten 90 Minuten auf uns zukommen würde. Wir konnten uns nämlich nicht so richtig vorstellen, wie man mit einer großen Gruppe Fahrradfahrerinnen hier in Rastede fahren könnte. Der Grund dafür sind die zahlreichen, engen Straßen mit oft wenig Platz für alle Verkehrsteilnehmer. Außerdem machen viele von uns Schüler*innen in der Oberstufe gerade ihren Führerschein und wir waren sehr gespannt darauf, wie die Autofahrer*innen reagieren würden.

Um die Sicherheit zu gewährleisten fährt man bei einer Critical Mass paarweise nebeneinander. Gruppen mit mehr als 15 Teilnehmer*innen dürfen nämlich wie ein Fahrzeug fahren. Das heißt, wenn der Erste bei Grün fährt, fährt die ganze Gruppe hinterher – auch wenn es zwischendurch Rot wird. Das gilt übrigens generell für Radfahren in Gruppen, also zum Beispiel auch für Radtouren mit der Klasse. Zuerst fuhren wir auf die Oldenburger Straße. Am Anfang unserer Tour verlief alles ruhig, sodass man irgendwann ins Quatschen geriet und sich über Schule und Anderes unterhielt. Wir waren sowohl auf Haupt- als auch auf Nebenstraßen unterwegs, wobei sich noch weitere Radfahrer*innen angeschlossen haben. Besonders interessant war die Fahrt durch einen Kreisverkehr. Da wir eine komplette Runde fuhren, konnten wir sehen, wie viele Autos hinter uns waren. Die Schlange war ziemlich lang und es gab viele verschiedene Reaktionen: Von Beschimpfungen und auch ein paar negativen Handzeichen bis zu Zusprüchen und „Daumen hoch“ war alles mit dabei. Da wir von Anfang an negative Reaktionen erwartet hatten, waren wir über diese nicht sehr überrascht und ignorierten sie meist. Die positiven Kommentare freuten uns sehr, da es zeigte, dass doch sehr viele Autofahrer*innen uns Radfahrerinnen unterstützen.

Während wir wieder in Richtung Ortsmitte fuhren, gab es dann zwei Zwischenfälle, die extremer nicht hätten sein können. Ein Autofahrer überholte uns, indem er den Rad- und Fußweg auf der Gegenseite benutzte, nur um ein paar Meter weiter auf den Hof der Tankstelle zu fahren. Dieses Verhalten fanden viele von uns sehr erschreckend, da ein hohes Sicherheitsrisiko für alle in der Umgebung bestand. Außerdem fragten wir uns, wie man wegen den wenigen Minuten Zeiteinsparung so ein Überholmanöver eingehen könnte. Ein anderer überholte uns kurz vor der Kreuzung bei der Kirche und schnitt beim Einscheren unseren vorne fahrenden Radfahrer, so dass dieser stark nach rechts ausweichen musste. Das war gerade für die vorne fahrenden Radfahrer*innen ein richtiger Schock. Auf dem restlichen Weg gab es keine weiteren Zwischenfälle und so fuhren wir zur Kirche, wo wir uns dann verabschiedeten.

Wir Schülerzeitungsredakteur*innen fanden die Critical Mass sehr gut, da es sehr viel Spaß gemacht hat mit unseren Freunden gemeinsam Fahrrad zu fahren und ein Zeichen zu setzen. Wir würden immer wieder daran teilnehmen, da es uns gezeigt hat, dass sich noch vieles ändern muss. Nicht nur das Verkehrskonzept muss sich ändern und Fahrradfahrer*innen mehr berücksichtigen. Auch viele Verkehrsteilnehmer*innen sollten ihre Einstellung ändern und mehr Rücksicht auf einander nehmen müssen, besonders aber auf Fahrradfahrer*innen und Fußgänger*innen. So sagte auch ein Schüler des 12. Jahrgangs: „Und einfach mal ein Zeichen zu setzen, dass unsere Radwege, die wir haben, momentan eigentlich ganz schön scheiße sind.“

Critical Mass, 2. Runde
Auch am letzten Freitag im Oktober fand in Rastede wieder eine Critical Mass statt.

Die Critical Mass kam bei allen gut an und viele wünschten sich eine zweite Runde. Es waren vor allem Schüler*innen und Rasteder*innen dabei, die sich auch für den Klimaschutz engagieren und an den Demonstrationen von Fridays For Future teilnehmen. So kam es auch zu einer zweiten Critical Mass am 25.10.2019. Nach einer Winterpause soll es dann auch am 27. März 2020 wieder losgehen. Um die Critical Mass in Rastede am Leben zu halten, ist sie gemeinsam mit anderen Klima- und Umweltschutzgruppen auch auf der Webseite Rastede For Future (rastedeforfuture.de) vertreten. Dort kann man Informationen und Hintergründe nachlesen und aktuelle Termine erfahren.

Logo der CM Rastede
Auch an der Gestaltung des fröhlichen Logos der Critical Mass Rastede wirkten Schüler*innen aus Jahrgang 12 mit.

Anna Tönjes
Anna Tönjes,
Jahrgang 12


Für ihren Beitrag über die Critical Mass Rastede sind Anna und Lena nicht nur Rad gefahren. Sie haben viele Teilnehmer*innen nach ihren Erfahrungen und Beweggründen befragt und die Ergebnisse ausgewertet.
Beide Schülerzeitungsredakteur*innen engagieren sich für den Klimaschutz. Am Schüler*innen-Projekttag 2020 wollen sie mit euch Vorschläge für ein radfreundliches Verkehrskonzept in Rastede sammeln, um sie dann an die Gemeinde zu übergeben.

Lena
Lena Marie,
Jahrgang 12

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